Der Mann, den sie Psychoglatze nennen

04. AUGUST 2009
Der Mann, den sie Psychoglatze nennen
Erschienen in: Stuttgarter Zeitung

Dieser Tage haben wir in Balingen einen interessanten Schwaben kennengelernt. Auf die Frage nach seinem Beruf hat er uns ohne ein Wimpernzucken verraten: Prozessbeschleuniger bei der Genesung von Verletzungen." Doch damit nicht genug. Er residiert in einer Villa mit drei Stockwerken, zehn Zimmern und einem herrschaftlichen Hund, trägt aber ganz unadelig eine lässige Jeans ohne Bügelfalte, den Kopf dazu modisch kahl und unterhalb der Glatze eine schrille Brille mit weißem Gestell - und behauptet, salopp gesagt, dass er durch gutes Zureden und mit viel Fingerspitzengefühl schier unheilbar verletzten Fußballern im Handumdrehen derart auf die Beine hilft, dass sie von den Toten auferstehen und schon anderntags wieder Tore schießen.


"Hallo", sagt Holger Fischer, schüttelt einem die Hand - und wenn man mit einem Daumenbruch gekommen wäre, wäre man den jetzt schlagartig los. So ähnlich ist es jedenfalls schon diversen Kickern ergangen. Sie sind, wenn man ihren Dankesbriefen glaubt, so gut wie lahm bei Fischer hineingehumpelt und mit einem Pfeifen auf den Lippen wieder hinausgejoggt - vor allem aber mit der Überzeugung, dass dieser Wunderknabe aus Wasser Wein macht oder zu Fuß den See Genezareth überquert.

Was tut Fischer? Maik Franz vom Karlsruher SC hat es so geschildert: "Ich liege da, und er drückt auf bestimmte Stellen." Diese Beobachtung deckt sich mit der des Nationalspielers Jan Schlaudraff: "Man liegt auf dem Bauch, und er spricht mit einem." Die Wirbelsäule hat ihm Holger Fischer dabei befingert, plötzlich waren die Rückenschmerzen weg, und anderntags hat Schlaudraff, damals noch für Alemannia Aachen, zwei Tore geschossen und auf die Frage nach Fischers Methoden gesagt: "Keine Ahnung. Aber die Wirkung ist enorm." Das klingt nach Hexerei: Ein Blick durch die weiße Brille, ein Plausch, ein Druck mit der Fingerkuppe, und auf der Stelle gibt jeder Muskelfaserriss auf, das gebrochene Wadenbein wächst schleunigst wieder zusammen und der Bandscheibenvorfall fleht um Gnade - denn mehr als die Spritze aus dem alten Koffer der Schulmedizin fürchtet er die Ganzheitslehre Fischers. "Ich denke vernetzt", sagt der und meint damit die Wechselwirkung von Körper, Geist und Seele.
In Anlehnung an den Pferdeflüsterer im Film nennt man Fischer den Profiflüsterer. Der Altstar Thomas Strunz hat es so erklärt: "Man liegt da und entspannt sich. Er greift die Themen auf, die einen belasten, tastet einen ab, und nach und nach lösen sich die Blockaden." Humbug, Hokuspokus, was erlauben Struunz, heulen an der Stelle die Ärzte der alten Schule auf - für sie ist dieser Selbstheilungsmanager ein Handaufleger, Wunderheiler, Gesundbeter oder einfach "der Tennislehrer". Darf es sein, schimpfen sie, dass ein medizinisch unbeleckter württembergischer Tennislehrer, nur weil er womöglich die "Schwarzwaldklinik" im Fernsehen gesehen und ein paar Arztromane gelesen hat, plötzlich als Guru herumdoktert und ein Buch schreibt, in dem er uns erklärt, wie man Kranke heilt? "Man nennt mich auch Psychoglatze", sagt Fischer - und dreht auf seinem Kahlkopf munter Locken.

Dieser Exot hilft offenbar gegen alles, vom Leistenbruch bis zum Leistungsdruck. Und wenn einer mit Ladehemmung kommt, bearbeitet er dem das Oberstübchen. Fischer ist Körper- und Seelenklempner, er reinigt, wenn man seinen vielen Geheilten glaubt, mit Worten und Händen ihre verstopften Rohre, bis wieder das Positive durch sie fließt. Diese Energiezentren im Körper aufzuspüren, sagt er, "ist meine Gabe". Anno 2001 hat er sie entdeckt. Zufällig, sagt er. Eines seiner vier Kinder fühlte sich lausig, er hat es kurz geknuddelt, und es hat wieder gelacht. Später hat er der Exschwiegermutter den Ellbogenschmerz weggedrückt und der Exfrau das Kopfweh. Seither nimmt er Geld dafür. Wobei sein Honorarsatz ("Ich bin gerecht") für Hausfrauen und Otto Normalverletzte günstiger ist als bei Managern oder Schauspielern - oder jenem Rocksänger, dem er die Tournee gerettet hat.

Aber vor allem unter Sportlern gilt Fischer als letzte Rettung. Seit sich herumgesprochen hat, dass sich die Erfolgsquote des einfühlsamen Mittvierzigers mit den sensiblen Fingerkuppen um die 90 Prozent bewegt, kommt alles zu ihm gehumpelt, was ohne Krücken nicht mehr geradeaus gehen kann, vom Eishockeycrack bis zum Stabhochspringer. Im Arbeitszimmer hängen die signierten Trikots der Fußballer Görlitz und Eggimann, Mike Hanke hat sich helfen lassen, oder Tasci und Marica vom VfB. Neulich war Daniel Bierofka ein paar Tage da, in der Wohnung im oberen Stock, mit Traumblick über die Alb. Von Praxis zu Praxis war der Dauerverletzte mal wieder gehinkt, und als der letzte Arzt aufgab, blieb nur Fischer.
"Irgendwann", hat der Daviscupspieler Alexander Waske nach grässlichen dreizehn Monaten Verletzungspause gestöhnt, "ist man offen für Neues." Ist auch die Schulmedizin offen für Fischer? Der Alternative von der Alb bemüht sich um friedliche Koexistenz. Er sei nicht besser, nur anders, sagt er. Sein Heilungssystem sieht er als Zusatzangebot, und von der klassischen Seite kommen erste Signale zurück. In aller Stille lässt so mancher Mannschaftsarzt seine Sorgenfälle inzwischen zu ihm auf die Pritsche - dabei quält alle die gleiche rätselhafte Frage.
Was treibt der Kerl eigentlich? Oliver Schmidtlein hat als Fitnesstrainer der Fußball-Nationalmannschaft den Zwiespalt so beschrieben: "Fischers Methode erscheint auf den ersten Blick ungewöhnlich, und ich kann im Detail weder medizinisch, psychologisch noch physiotherapeutisch genau definieren, was er macht - aber das sichtbare Ergebnis war eine unmittelbare Verbesserung der Beschwerden und eine überraschende Eigenmotivation und Zielorientiertheit der Spieler." Die Mehrheit der Schulmediziner wünscht sich den Glatzkopf allerdings wer weiß wohin. Der Scharlatan hat nur Glück, heißt es, mit seinen Taschenspielertricks erzielt er seinen Placeboeffekt. Doch in solchen Fällen kontert der Exnationalspieler und Fischer-Klient Patrick Owomoyela entwaffnend: "Entscheidend ist, dass es funktioniert." Und wer heilt, hat recht.

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